Familienfeiern: Vom Fuck Up zum Power Up

Euch graut vor den Weihnachtsfeiertagen? Eure Familie versteht euch nicht, ständig werdet ihr kritisiert? Willkommen im Klub. Warum sich hinter mancher Kritik ein „Ich sorge mich“ versteckt, ihr in den kleinen Gesten manchmal die größten Gemeinsamkeiten finden könnt und meine Oma hippe Snacks kannte, bevor sie cool waren.

Hinweis: Ich habe das große Glück, dass meine Familie und ich uns im Grunde gut verstehen. Darauf basieren die Erzählungen in diesem Text. Ich bin mir bewusst, dass nicht jeder dieses Glück und die Möglichkeit hat, Weihnachten mit seiner Familie zu verbringen.

Ich freue mich auf Weihnachten.

Zum einen: Ich habe am 24. Dezember Geburtstag. Zum anderen: Ich freue mich darauf meine engsten Familienmitglieder, aber auch meine entfernte Verwandtschaft, wiederzusehen.

Zu Weihnachten kommen nämlich all meine Verwandten und Bekannten aus aller Herren Länder angereist. Während ich den Rest des Jahres mit Menschen verbringe, deren Gesellschaft ich mir aussuchen kann, bin ich zu Weihnachten mit Menschen zusammen, deren manchmal einzige Gemeinsamkeit mit mir ist, dass unsere (Groß-)Eltern im selben kroatischen Vorort leben.

Als ich jünger war, habe ich darüber viel gejammert. Die verstehen mich doch alle nicht. Keiner von denen fühlt das, was ich fühle. Die kritisieren mich doch nur.

Ich war als Teenager ein ziemlich egozentrisches Arschloch.

Zunächst: Die verstehen mich nur dann nicht, wenn ich mich hinter Fachausdrücken meiner Arbeit verstecke. Öffnungsraten, Tweet-Reichweiten, Aufenthaltsdauern: Zu Weihnachten muss ich mich nackig machen und all die Fachbegriffe ablegen, hinter deren (vermeintlichem) Glanz man ich mich normalerweise verstecken kann. Das macht mich verletzlich, zwingt es mich doch zu erkennen, dass das mein Leben nicht nach Kennzahlen bewertet werden kann.

Lasse ich das hinter mir, sehe ich, dass ich viele Gefühle und Einstellungen mit den Anwesenden teile. Das merke ich zwar nicht an den großen Erfolgsgeschichten, die beim Kaffee ausgetauscht werden. Eher in den kleinen Momenten. Wenn eine Tante immer die Hände über ihrem Bauch verschränkt, weil sie das Gefühl hat, zu dick zu sein. Wenn man hört, wie viel Angst einige vor politischen Veränderungen haben. Wenn wir uns erzählen, wie schwer es ist, einen guten Kartoffelstrudel in unseren jeweiligen Wohnorten zu bekommen.

Das klingt nach einem großen gemütlichen Zusammensitzen, bei dem wir uns alle erzählen, wie toll wir sind. Lasst euch davon nicht täuschen. Es werden durchaus Sticheleien und spitze Bemerkungen über das Leben und die Entscheidungen der Anwesenden ausgeteilt. Vor allem über das Aussehen. In den letzten Jahren habe ich aber einen etwas anderen Blick auf diese „Kritik“ gewonnen.

Zum einen ist mir klar geworden, dass viele dieser Menschen mich nur einmal jährlich sehen. Höchstwahrscheinlich können sie sich an mein Gebrabbel vom letzten Jahr nicht erinnern. Wenn wir uns dann wiedersehen, ist genau das das einzige, was ihnen als Gesprächsthema bleibt: Mein Aussehen.

Das Sprechen darüber wirkt für mich oft übergriffig und boshaft, ist aber oft wohl einfach ein sehr seltsamer Versuch ein gemeinsames Gesprächsthema zu finden. Getreu dem Motto „Dieses junge Gemüse ist doch ständig auf Diät, da kann man immer drüber sprechen!

Manchmal, gerade bei Verwandten, die mich kennen, seitdem ich ein kleines Kind war, ist es aber schlichtweg Sorge, die ihren Weg nicht über Worte wie „Ich liebe dich“ oder „Ich mache mir Sorgen um dich“ findet, sondern über „Du siehst so dünn/dick/blass/müde aus!“.

Ein besonders beliebtes Thema, das in den letzten Jahren immer wieder aufkocht, ist die Frage nach Heirat und Partnerschaft. Besonders interessiert zeigt sich dabei meine Oma. Eine Frau, die als Gastarbeiterin in Deutschland war, als Frauen in der Schweiz noch nicht mal in allen Kantonen Wahlrecht hatten.

Meine Großmutter erzählt oft von ihrem Leben in Deutschland. Dass sie oft tanzen gewesen ist in dieser Zeit. Dass sie am Fließband großartige Freundschaften geschlossen hat.

Ihre Lieblingsgeschichte ist die, wie sie und ihre internationale Freundinnenschar sich immer zum Mittagessen verabredet und dort ihre mitgebrachten Speisen miteinander ausgetauscht hatten. Wenn ich von meinen neuesten kulinarischen Abenteuern aus Berlin erzähle, passiert es oft, dass meine Oma das ein oder andere schon in ihrer Mittagspause in einer Werkzeugfabrik probiert hatte.

Meine Oma fragt mich seit ein paar Jahren oft, ob ich einen Freund habe und ob ich einsam bin. Heute glaube ich nicht mehr, dass sie das fragt, um mich zu kritisieren oder mir ein schlechtes Gewissen zu machen. Ich erkenne eher immer mehr, dass die glücklichen Deutschlandtage meiner Oma wohl nicht immer nur voll von geteilter Zeit mit ihren Lieben waren.

Das Weihnachtsfest mit meiner (entfernten) Familie holt mich auf den Boden der Tatsachen zurück. Nicht, weil meine Familie nur aus Losern besteht, die mir zeigen, wie toll mein eigenes Leben ist. Sondern eher, weil das Zusammensein mit diesen Menschen mir zeigt, dass Lebensentwürfe nicht besser oder schlechter sind.

Es ist kein Wettbewerb, bei dem die mehr Punkte bekommen, die Kinder haben, oder eine tolle Karriere. Wir spielen nicht in verschiedenen Ligen. Eher scheint es mir so, dass wir nicht mal dasselbe Spiel spielen. Und das ist es, worauf ich mich mittlerweile freue: Ein paar Tage mit Spielern anderer Spiele zu verbringen und zu sehen, dass meine Anstrengungen und meine Kämpfe für bestimmte Erfolge nicht sinnlos sind, aber auch nicht das ultimative Ziel im Leben.

Deine Mama ist wie Political Correctness

Politisch korrekt zu sein ist uncool. Es sorgt dafür, dass wir nicht mehr sagen dürfen, was wir denken. Es macht unsere Sprache hässlich und ist super kompliziert. Dazu kann ich nur sagen: Bullshit. Politische Korrektheit ist eher wie deine Mutter: Sie nörgelt herum und ihre Regeln nerven manchmal, aber am Ende sorgt sie dafür, dass du kein Arschloch bist.

Es gibt ein Wort, dass mir kalte Schauer über den Rücken laufen und meinen Magen zu einem Eisklumpen werden lässt: Jugo.

Jetzt werden manche sagen: „Aber das ist doch nur die Abkürzung für „Jugoslawe“ und das ist doch nichts schlimmes!“. Als ich aufgewachsen bin, war Jugo eine Beleidigung, die mir öfter auf Spielplätzen nachgerufen wurde und heute noch manchmal als Schimpfwort benutzt wird, wenn jemand Probleme mit meinen Eltern hat. Mich als Jugo zu bezeichnen ist für mich also mehr eine Beleidigung, weniger eine Beschreibung meiner Herkunft.

Wenn ich Menschen darauf hinweise, dass ich dieses Wort nicht mag, sind die Reaktionen gemischt: Manche sagen: „Kein Ding, wenn es dir unangenehm ist, verwende ich es nicht.“. Andere wiederum fassen die Worte: „Ich mag das Wort ‚Jugo‘ nicht.“, als Angriff auf.

„Es ist doch nur ein Wort.“

„Mein Vater/Meine Jugo-Freunde verwendet das Wort doch auch.“

„Heutzutage darf man doch gar nichts mehr sagen!“

Es ist nicht nur ein Wort. Hinter Wörtern wie diesen stehen Geschichten. Etwa Geschichten aus einer Zeit, als meine Eltern bei der Wohnungssuche immer zuerst jene Annoncen verwerfen mussten, die Wohnungen „nur an Einheimische“ vermieteten.

Und was dein Vater macht, ist deines Vaters Sache. Und was deine Freunde machen ist deren Sache. Als ich nämlich das letzte Mal nachgesehen habe, gab es noch keinen Sprecher der Ex-Jugoslawen. Außerdem ist es etwas anderes, wenn ein Betroffener ein Wort verwendet. Denkt es euch so: Du nennst deine Mutter Mama. Würde ich deine Mutter Mama nennen, wäre das merkwürdig.

Und politische Korrektheit? Ich bin ganz im Team Political Correctness. Zum einen finde ich, dass politische Korrektheit genau das oft ist: Richtig. Sitzen etwa in einem Kurs 15 Frauen, sind es eben Teilnehmerinnen und keine Teilnehmer.

Zum anderen ist politische Korrektheit aber auch das Sichtbarmachen von Minderheiten. Wir kennen alle dieses Rätsel, mit dem Autounfall von Vater und Sohn. Der Vater stirbt am Unfallort, der Sohn kommt ins Krankenhaus. Dort sieht der Arzt den Patienten und sagt: „Kann ich nicht behandeln, ist mein Sohn!“. Und alle sagen: „Aber sein Vater ist doch tot!“ und die Trickfrage ist: „Lügt der Arzt?“. Plot-Twist: Tut er nicht, es ist eine Ärztin und „Gendern“ ist die (leider oft noch bitter nötige) Sichtbarmachung von Frauen in der deutschen Sprache.

Hier wird es aber auch in meiner Argumentation etwas ruckelig. Denn während die sachliche Korrektheit bewiesen werden kann, ist die Sichtbarmachung oft Stoff von Diskussionen. Denn sie schreibt uns vor, wie wir zukünftig zu sprechen haben.

Aber tut sie das wirklich? Gibt es wirklich eine Polizei, die politische Korrektheit durchsetzt und jene watscht, die Jugo sagen? Nein. Gibt es nicht.

Was es gibt, ist ein erhöhtes Bewusstsein dafür, dass Minderheiten existieren, die in unserer Sprache nicht gespiegelt werden. Dieses Bewusstsein führt dazu, dass mal jemand sagt, dass ein Begriff nicht verwendet werden soll, weil er verletzend ist. Vielleicht gibt es hitzige Diskussionen oder sogar einen ausgewachsenen Streit. Aber niemand klopft an deine Tür und bringt dich ins Gefängnis, weil du unbedingt weiter „Jugo“ sagen willst.

Ihr findet, alles was ich hier schreibe ist eine privilegierte Diskussion einer frustrierten Feministin, die wahrscheinlich grün wählt und die auf Grund ihrer Herkunft nie was Falsches sagt?

Als ich ein Teenager war, war das Wort „schwul“ ein Schimpfwort. War etwas sehr blöd, war es schwul. Ich habe das Wort sehr, sehr lange als Synonym für schlecht, mies und deppert verwendet, ohne etwas gegen schwule Menschen gehabt zu haben. Auch als ich schon erwachsener und reifer war und um die Benachteiligung von Homosexuellen wusste, war ich immer noch überzeugt, das Wort „schwul“ als Beleidigung verwenden zu dürfen. Denn ich meinte es ja „nur ironisch“.

Heute schäme ich mich sehr. Denn was mir die Augen geöffnet hat, war, als sich eine Bekannte geoutet hat und mir auf einen Schlag bewusst wurde, wie oft ich vor ihr einen Teil ihrer Persönlichkeit als schlecht, mies und deppert bezeichnet habe. Das, was sie ihre Freundin lieben ließ, habe ich im Zeichen meiner Coolness in den Dreck gezogen.

Und das ist nicht alles. Ich habe noch tausend andere, vielleicht schlimmere Dinge gesagt. Manchmal bewusst. Manchmal unbewusst. In einem perfekten Leben hätte es auch keine „Betroffene“ gebraucht, um mir klar zu machen, dass das, was aus meinem Mund kommt, nicht immer Rosen und Häschen sind.

Aber Perfektion ist auch nicht mein Ziel. Ich versuche stattdessen kleine Gewinne gleich einzufahren. Bestimmte Wörter aus meinem Vokabular zu entfernen geht z.B. erstaunlich einfach, wenn ich mir  nur vorstelle, wie es wäre, wenn eine Person dabei wäre, die selbst einer Minderheit angehört.

Manche Sachen fallen mir aber schwer. Dann tadle ich mich innerlich, wenn ich etwa zu faul bin, in meinen eigenen Texten gendergerecht zu formulieren. Da hilft es nur, dass ich es immer wieder versuche. Auch wenn es mühselig ist. Auch wenn es uncool ist.

Die allerschlimmsten Sachen sind aber die, die mir gar nicht bewusst sind. Wo ich mir im ersten Moment denke: „Das ist doch übertrieben! Kein Mensch kann ernsthaft von mir verlangen, dieses Wort nicht mehr zu benutzen!“. Natürlich wäre es dann leicht gegen politische Korrektheit vom Leder zu ziehen. Aber eigentlich funktioniert es auch ganz gut, einfach mal die Klappe zu halten und das Thema eine Zeit lang mit mir herumzutragen und immer mal wieder darüber nachzudenken. Dann rutscht es vielleicht in die „Probier ich mal aus!“-Zone.

Ihr könnt euch jetzt über diesen Text echauffieren und sagen, das ist alles ein Luxusproblem. Aber ihr könnt euch vielleicht auch mal überlegen, warum euch das Thema politische Korrektheit so aufregt. Wenn es doch so ein Nebenschauplatz ist und wir so viele größere Probleme haben, warum dann nicht gerade diese „Unwichtigkeit“ mal ausprobieren?

Wenn du dann beim nächsten Familienessen zu deinem Onkel sagst: „Schwul ist kein Schimpfwort!“, dann sieht er dich vielleicht komisch an. Aber dein Cousin denkt über seine eigene Wortwahl nach. Oder fühlt sich vielleicht geliebt für das, was er ist.

Minimalismus: Warum nix haben was für reiche Leute ist

Minimalismus ist der neue heiße Scheiß. Überall muss ausgemistet, alles verschlankt werden. Denn nur wer wenig besitzt, führt ein Leben frei von Ballast. Ich bin mit drei Reisetaschen nach Berlin gezogen, habe ein Jahr lang nur mit dem „Nötigsten“ gewohnt habe und glaube, dass Minimalismus nicht für alle ist.

Ich bin vor etwa zwei Jahren mit drei Reisetaschen nach Berlin in eine (von den Vormietern) möblierte Wohnung gezogen. Das war weniger auf meine minimalistische Lebensweise als zum einen auf die billigen Tarife von Flixbus (25 € von Wien nach Berlin kamen meinem schmalen Umzugsbudget sehr entgegen) zurückzuführen und zum anderen auf die Tatsache, dass ich niemanden in Berlin kannte und selbst alles in die neue Wohnung bringen musste.

Angekommen in meiner neuen Wohnung (danke, netter Taxifahrer am ZOB, der mir die Reisetaschen in und aus dem Taxi gewuchtet hat) waren die drei Taschen rasch ausgeräumt und ich stand da in meinem neuen Heim: Zusammengewürfelte Möbel verschiedenster Stilrichtungen gaben meinem neuen Zuhause etwa das persönliche Flair einer günstigen AirBnB-Wohnung in Klagenfurt.

Ich sollte aber ein Jahr lang in der Wohnung leben, ohne großartig was daran zu ändern.

Dem Minimalismus-Trend folgend sollte das wohl die Stelle sein, wo das Happy End einsetzt und ich erkläre, wie frei und unbeschwert mich mein spärlicher Besitz gemacht hat. Mein Herz hing nicht an meiner Wohnung, es war frei, die Welt zu lieben! Die Wahrheit ist aber, dass ich in einer kargen Wohnung lebte, die mir keine Freude machte. Unbewusst wollte ich mich wohl auch nicht binden an eine Stadt, die einen mit der Wärme eines Wintersturms empfängt und Heimat der Band „Isolation Berlin“ ist.

Ich wusste z.B. nicht, wie glücklich mich meine Tassensammlung in Wien gemacht hat, bis ich sie nicht mehr hatte. Es war mir auch nicht bewusst, wie sehr ich meine Schränke mochte, die ich im Ausverkauf mit meiner besten Freundin gekauft hatte.

Mir wurde klar, dass ich an Sachen hing. Besitz bedeutete mir etwas. War ich etwa einer jener Menschen geworden, für die nur noch „Dinge“ zählten? War ich ein kapitalistisches Arschloch, das nur dann ist, wenn er auch besitzt? Nein. Mein Herz hing an meinen Sachen, weil ich lange nicht den Luxus hatte, „einfach nur zu kaufen“.

Mein Elternhaus ist nicht arm, aber es gab auch kein finanzielles Polster, auf dem ich mich hätte ausruhen können. Geldmangel hat seitdem ich ausgezogen bin, nahezu jede meiner Kaufentscheidungen beeinflusst. Jede größere Anschaffung habe ich gezielt und wohlüberlegt getroffen. Diese Dinge mögen zwar für alle Außenstehenden in meiner Wohnung wild durcheinander gewürfelt gewirkt haben. Aber für mich war jedes Stück wertvoll, weil ich über nahezu jeden Kauf viel nachgedacht hatte.

Heute müsste ich mir keine allzu großen Gedanken machen, welche Tassen ich nun kaufen will. Ich habe einen guten Job, der mir ein angemessenes Gehalt bringt.

In Blogs und Zeitschriften aber nun zu lesen, dass man so wenig wie möglich besitzen sollte, weil man nur dann wirklich erfüllt leben kann, trifft einen wunden Punkt und macht mich wütend. Anfangs verstand ich diese Wut nicht ganz, mittlerweile kenne ich den Grund aber: Es ist eine privilegierte Sichtweise, die in Minimalismus-Handbüchern dargestellt wird. Und sie hängt mir zum Hals raus.

Warum gerade wenig besitzen ein Zeichen von Privilegiertheit ist? Denkt mal an eine Hartz IV Wohnung. Was für ein Bild kommt euch da vor Augen? Clean und wenig Dinge? Wohl eher nicht. Vielleicht es eine vollgestellte Wohnung, mit allerlei Krimskrams. Da lachen ein paar sogar verächtlich drüber, richtig Gewiefte murmeln was von „Die kaufen so viel Zeug von unseren Steuergeldern!“ in ihren Bart.

Wenn man die Erfahrung macht, dass man nicht alles, was man will (vielleicht sogar braucht), auch bekommt, dann prägt einen das. Man „mistet nicht aus“, wenn man nicht weiß, ob man das Geld haben wird, diese Dinge nachzukaufen.

Kommt dann übrigens noch ein „Migrationshintergrund“ dazu, ist Wegwerfen eine Kardinalsünde. Das Aufbewahren von Dingen ist dann keine Prägung mehr, es ist Teil deines tiefsten Innersten. Als Teil der zweiten Generation, die nicht selbst ausgewandert bzw. geflüchtet ist, kenne ich das von meinen Eltern, die heute noch ungern Dinge wegwerfen. Denn neben der Angst, Sachen nicht noch einmal kaufen zu können, ist bei ihnen auch das Bewusstsein, dass Besitz schneller unwiederbringlich weg sein kann, als dir lieb ist. Nur, dass der Grund dann Krieg ist und nicht der neue Lifestyle-Beitrag in der Cosmopolitan.

Meine Wohnung ist jetzt übrigens heimeliger. Es hat angefangen, als ich meine übernommene Couch gegen eine andere gebrauchte getauscht habe. Die Vorbesitzerin meiner jetzigen Couch hat erzählt, dass ihr Großvater diese Couch selbst für ihre Großmutter als Hochzeitsgeschenk gebaut hat. Sie wollte die Couch deshalb nicht ausmisten.

Auf den Erinnerungen anderer sitzend hab ich quasi angefangen, meine eigenen auch in meiner Wohnung zu zeigen. Mit der neuen alten Couch war dann endlich auch ein sichtbarer Anker gesetzt in Berlin. Meine angewachsene Büchersammlung tat ihr übriges und mittlerweile sitze ich in einer recht gemütlichen Wohnung.

Ich will nicht die kapitalistische Spielverderberin sein, die euch einredet, dass ihr ja nichts wegwerfen dürft. Eigentlich will ich nur sagen, dass man sich bewusst sein sollte, das Nichtbesitz heute eine Art der Abgrenzung ist, die den Unterschied zwischen privilegierten und weniger privilegierten Menschen aufzeigen kann. Denn nichts zu besitzen, das muss man sich erst mal leisten können.

Warum muss ich mehr putzen als mein Freund?

Meine Freunde sagen: „Bei uns ist Hausarbeit gerecht aufgeteilt!“. Meine Freundinnen sagen: „Klar, putze ich mehr!“. Wie geht das? Ist Gleichberechtigung nicht längst schon da? Keine Sorge, dass hier ist kein Rant gegen „faule Männer“. Es ist vielmehr eine Liebeserklärung an Chlorreiniger. Und eine Kritik am System.

Mein Lieblingsgeruch ist Chlor. Nicht, weil ich Schwimmbäder mag, sondern weil ich DanKlorix liebe. Chlorreiniger bedeuten für mich Sauberkeit, Reinheit, Entspannung. Ich verwende wöchentlich einen halben, eigentlich freien, Samstag darauf, meine Wohnung zu putzen. Küche, Bad, Schlafzimmer, Wohnzimmer: Erst wenn alles aufgeräumt, überall gestaubsaugt und feucht mit DanKlorix gewischt worden ist, bin ich wirklich ruhig und entspannt.

Nun habe ich meine Wohnung mit jungen Männern geteilt, Mitbewohnern und Lebensgefährten. Unterschiedliche Typen, die aber ein paar Dinge gemein hatten: Gebildet und die Gleichstellung von Mann und Frau akzeptierend. Man freundet sich schließlich nicht mit Höhlenmenschen an. Was die Jungs noch gemeinsam hatten: Ihre Vorstellung von Sauberkeit unterschied sich von meiner. Im besten Fall waren es andere Vorstellungen, im schlimmsten Fall gab es gar keine Idee von Sauberkeit.

Wie jede junge Frau, die im Westen aufgewachsen ist, habe ich alle Beziehungsratschläge von BRAVO bis Cosmopolitan bis ZEIT und dem Süddeutsche Magazin gelesen. Der Grundtenor ist derselbe: Redet über eure Probleme. Ich habe also geredet. Zunächst sehr positiv und sehr partnerschaftlich über den Idealzustand einer Wohnung gesprochen. Bin Kompromisse eingegangen. Habe Aufgaben verteilt.

Ein paar Tage oder Wochen später dann der Sündenfall: Es war genauso wie vorher. Also noch einmal Gespräche. Dieses Mal etwas kürzer und knapper, aber immer noch freundlich. Danach erneuter Rückfall in die dreckigen Zeiten und wieder Gespräche. So lange, bis es keine Gespräche mehr gab, sondern nur noch knapper werdendes Meckern und Frustration auf meiner Seite. Die Wohnung sah dabei übrigens immer tip top aus. Denn obwohl ich geschimpft und gezetert habe, habe ich vor allem auch weiterhin (für zwei) geputzt.

Gesprächsrunden in meinem Freundeskreis ergeben, dass dort anscheinend weniger gezetert, aber nicht weniger von weiblicher Hand geputzt wird. Während Männer mir einhellig versichern, dass bei ihnen alles 50:50 getrennt ist, sagen meine Freundinnen, dass sie selbstverständlich mehr putzen. Denn er „sieht es ja nicht“ und es wird sowieso sauberer, wenn sie es selbst macht. Wir reden hier übrigens von Menschen unter 35, die mindestens einen Hochschulabschluss haben.

Woher kommt dieses auseinandergehen der Wahrnehmung, was die Beteiligung von Männern und Frauen an der gemeinsamen Haushaltsführung angeht? Es wird doch wohl nicht daran liegen, dass wir seit Jahren proklamieren, dass die Gleichberechtigung erreicht ist und alles was jetzt noch an Diskussionen kommt, zu viel des guten und sowieso unnötig sei? Und es wird doch wohl nicht die Gesellschaft von dieser Ungerechtigkeit profitieren?

Früher, als die Gleichberechtigung nämlich noch nicht erreicht war, haben Frauen sich oft hauptberuflich gekümmert: Um den Haushalt, aber auch die jungen, die alten und die kranken Mitglieder der (entfernten) Familie. Kostenlos versteht sich. Heute, da die Gleichberechtigung Gott sei Dank erreicht ist, machen es zwar immer noch zum großen Teil die Frauen, nur dass sie es jetzt neben einem Job schupfen.

Warum also sollte sich der Staat dafür einsetzen, dass sich hier etwas ändert? Würde man auf gerechter Arbeitsteilung bestehen, würde ja glatt jemand auf die Idee kommen, dass es gar nicht so einfach ist, neben einem Vollzeitjob einen Haushalt und womöglich noch Sorgearbeit für Verwandte unterzukriegen. Und möglicherweise würde man verlangen, dass der Staat hilft. Was das wieder kosten würde!

So zahlen wir stattdessen alle einen bitteren Preis. Auf der einen Seite die Frauen, in erster Linie mit Arbeitskraft, schlussendlich aber auch finanziell, weil ihnen irgendwann Pensionszeiten fehlen, weil man immer nur Teilzeit gearbeitet hat. Wegen der Kinder, der pflegebedürftigen Eltern.

Auf der anderen Seite aber auch Männer, wenn auch subtiler. Trotz Gleichberechtigung sollen sie immer noch schön viel verdienen, sonst seien sie nicht wirklich männlich genug. Ironischerweise bleibt Vereinbarkeit von Beruf und Familie gerne auf der Strecke, wenn man gleichzeitig möglichst viel Geld machen soll.

Das hier ist deshalb keine Streitschrift gegen faule Männer. Es ist nur ein Hinweis, dass noch ein Stück des Weges für uns alle zu gehen ist. Dass Gleichberechtigung noch nicht erreicht ist. Klar, der Staat sollte mehr dafür tun, etwa mit flexiblerer Kinder- und Krankenpflege. Ein guter Anfang um überhaupt ein Gefühl für die Problematik zu bekommen, wäre es auch, die Frauen, die man so kennt, zu fragen, ob sie das Gefühl haben, dass die Arbeit in ihrem Haushalt gerecht aufgeteilt ist. So wirklich gerecht.

Oder man hört sich mal um, warum manche Frauen nicht wissen, ob sie mal Kinder wollen. Mich persönlich ängstigt etwa mehr noch als Horrorgeschichten von Dammrissen und wenig Schlaf in den ersten 18 Jahren die Aussicht, sich allein kümmern zu müssen, obwohl man doch in einer Partnerschaft ist. Zu wissen, dass es nicht mein persönliches, sondern ein gesellschaftliches Problem ist, macht das Ganze noch um vieles Frustrierender.

Falls jetzt irgendwer jetzt klug fragt: Aber warum nimmst du dir keine Putzfrau, dann muss keiner der beiden Partner putzen? Ich kann nur entgegnen: Die Lösung des Problems ist nicht, dass statt Lena und Lukas nun Dragica putzt. Die strukturellen Probleme, die durch die mangelnde Gleichberechtigung entstehen, mögen zwar buchstäblich weniger sichtbar sein, wenn man nicht selbst die Flecken des Partners entfernt. Aber das grundlegende Problem, dass die Arbeit des einen wertvoll und die der anderen selbstverständlich ist, verschwindet auch nicht, wenn man sie in Chlorreiniger ertränkt.

Warum die Ängste um deinen ausländischen Vater nicht verschwinden, egal wie gut du selbst integriert bist

Ich habe Angst, dass die politische Stimmung in Österreich und Europa in der nächsten Zeit so hochkochen wird, dass sie einen Menschen verletzt, den ich liebe: Meinen Vater. Während die Titelseiten voll sind von „Asylanten“ und „kriminellen Kanaken“, finden meine Ängste keinen Platz in den Medien. Ein ausgezeichneter Studienabschluss und ein „guter“ Job machen dich nämlich zwar zur Vorzeigemigrantin, lassen aber deine Ängste um deine nicht ganz so vorzeigbaren Lieben nicht verschwinden. Was furzende Schafe, das Geturtel meiner Eltern am Telefon und Mikroaggressionen damit zu tun haben, lest ihr hier.

Seit längerer Zeit habe ich Angst. Im Gegensatz zu allerlei diffusen Ängsten kann ich diese Furcht an einem Ereignis festmachen. Es war kein Artikel über Alzheimer, keine Artikel über pflegebedürftige Angehörige. Keiner darüber, dass Männer immer noch viel zu selten zum Arzt gehen und deshalb früher sterben.

Ein Mann mit polnischem Migrationshintergrund ist in England von Teenagern getötet worden. Der Mann soll umgebracht worden sein, weil er polnisch vor den Jugendlichen gesprochen hat und diese sich provoziert davon gefühlt hatten.

Mein Vater ist Kroate. Ein sehr klischeehafter, könnte man sagen. Während Leute wohlmeinend über mich oft sagten „Man sieht dir gar nicht an, dass du nicht von hier bist“, meinten sie von meinem Vater immer, dass man „es“ ihm ansah. Was sie wirklich sagen wollten, war wohl, dass sein bärenhaftes Aussehen und ein etwas grimmiger Gesichtsausdruck ihn zu einem Bilderbuch-Tschuschen machten.

Mein Vater spricht Deutsch, aber mit starkem Akzent. Meine Eltern haben immer darauf bestanden, dass zuhause immer nur Serbokroatisch gesprochen wird, damit meine Schwestern und ich unsere Muttersprache nicht verlernen. Außerdem war das (in meinen Augen) gute Deutsch meiner Eltern für sie selbst nicht gut genug, um es uns beizubringen. Das überließen sie dem deutschsprachigen Fernsehen, unseren Freunden und dem österreichischen Bildungssystem.

Mein Vater verschickt Emojis, wenn er mir auf WhatsApp schreibt. Sein Favorit ist ein Schaf mit einer Windwolke danach. Es sieht so aus, als würde das Schaf furzen und ich muss immer sehr viel lachen, wenn er mir das schickt. Meine Mutter ruft mein Vater aber meistens an. Dann erzählt er ihr etwas und meine Mutter kichert dann wie ein verliebter Teenager. Er klingt am anderen Ende der Leitung  wahrscheinlich furchteinflößend, wegen seiner tiefen Stimme und weil er immer sehr ernst aussieht, wenn er nachdenkt.

Mein Vater Ist viel unterwegs. Mein Vater ist Krankenpfleger und arbeitet neben seiner Anstellung als Stationsleiter in einem Altenheim auch als mobile Pflegekraft. Wenn er länger in der Straßenbahn sitzt, ruft er manchmal meine Mutter an.

Jetzt, wo man ein Bild von meinem Vater hat, kann ich vielleicht besser erklären, warum ich Angst habe. Was, wenn mein Vater mal wieder meine Mutter anruft. Was, wenn er ihr gerade die lustigsten Begebenheiten seines Tages erzählt, dabei aber seinen ernsthaften, nachdenklichen Gesichtsausdruck hat. Was, wenn ihn die falschen Leute hören. Und was, wenn sie glauben, ihre Wut an meinem Vater auslassen zu müssen?

Wenn ich jetzt jemanden sagen höre: „Ach komm schon, warum sollte so etwas passieren?“. Dann denke ich nicht an die Zukunft, sondern nur zurück in die Vergangenheit und werde noch eine Spur ängstlicher.

Dank meines Vaters wusste ich nämlich, was Mikroaggressionen sind, bevor ich ein Wort für diese beschissen herablassende Art hatte, die Menschen in ihre Gesichter gespült wird, wenn sie sich Migranten überlegen fühlen und sie das auch spüren lassen. Polizisten, Behördenmitarbeiter, Ärzte, Lehrer: Anhänger aller Berufsgruppen haben in meinen Augen Ansehen auf ewig verloren, weil sie meinen Vater behandelten, als wäre er dumm, nur weil seine Zunge sich an den rauen Stellen der deutschen Sprache stieß.

Klar kann man sagen, dass diese Menschen alle nur wütend sind, weil sie von gesellschaftlichen Entwicklungen überholt worden und deshalb nun unsicher sind. Mein Vater ist aber von den gesellschaftlichen Veränderungen um ihn nicht nur überholt worden, sie haben ihm quasi den Weg abgeschnitten: Statt Lehrer zu werden, wurde er Kriegsflüchtling und daraus folgend Hilfsarbeiter. Aber komischerweise habe ich meinen Vater nie nach Sündenböcken suchen sehen.

Mindestens genauso komisch ist, dass meine Ängste einzigartig zu sein scheinen. In den Medien sehe ich sie zumindest nicht gespiegelt: Ständig wird von den Ängsten der „Angry White Men“ gesprochen. Dass man diese abbauen müsse, sonst würde uns ein so starker Rechtsruck bevorstehen, dass wir womöglich gegen eine Wand donnern könnten.

Ich bin nicht naiv, ich weiß, dass mir niemand meine Ängste gänzlich nehmen kann. Kein kluger Artikel in den Leitmedien kann einem die Angst um geliebte Menschen nehmen. Es gibt keine schnelle Lösung. Aber können wir bitte aufhören so zu tun, als wären die Ängste der „alten weißen Männer“ die einzigen, die es gibt? Und deshalb natürlich auch die wichtigsten? Nur, weil meine Angst mich keinen Faschisten wählen lässt, ist sie nicht weniger real und weniger ernst.

Abnehmen? Freude an der Bewegung? Warum ich wirklich laufen gehe

„Suck it up so one day you won’t have to suck it in.“ – „No matter how slow you go, you are still lapping everyone on the couch!“: Fickt euch doch mit diesem inspirierenden Scheiß, der im besten Fall platt und im schlimmsten Fall Körperhass getarnt als Ansporn ist. Wer hier Sport-Tipps gegen körperliche Problemzonen erwartet, ist ganz falsch. Es geht hier eher um die Frage, wie Sport hilft, wenn die Zone, die dir Probleme macht, in deinem Kopf zu sein scheint.

Ich bin nicht sportlich. Ich war das Kind, das in den letzten Schultagen lieber ins Museum gegangen wäre, als auf irgendeinen Berg zu wandern. Und ich hab es auch nie geschafft, eine Runde um den Fußballplatz zu laufen, ohne stehenbleiben zu müssen um Luft zu holen. Mehrere Fitness-Abos sind an mir ungenutzt vorbeigezogen.

Als ich dann vor ein paar Jahren nach Berlin kam, war ich einsam. So einsam, dass meine Gedanken eine Spur zu laut, zu krass und zu einnehmend wurden. In meinem Kopf schien laufend Krieg zu herrschen. Ich dachte, ein Hobby hilft mir, raus zu kommen. Aus meiner Wohnung, aus diesem Gedankenstrudel.

Weil ich ja niemanden kannte, musste es etwas sein, was ich allein machen konnte. Inspiriert durch die Geschichte zweier sympathischer Rentnerinnen, die laufen des Laufens willen, dachte ich mir, ich versuche das auch. Kennt mich ja keiner, muss ja keiner wissen, wenn ich versage.

Wäre ich einfach los gelaufen, wäre ich wohl japsend an der ersten Kreuzung fast zusammengebrochen und wieder umgekehrt. Eine Lauf-App bzw. der mitgelieferte Trainingsplan hat mir aber den Einstieg sehr leicht gemacht. Ich war beim Training immer angestrengt, aber nie überanstrengt.

In jeder guten Story wäre das jetzt der Zeitpunkt wo ich sage: Als ich angefangen habe, habe ich geraucht, gerne viel gegessen und Süßigkeiten geliebt. Heute ist mein Leben ein viel besseres und ich bin wie neu geboren.

Sorry, so war es nicht.

Überraschenderweise macht es einen nämlich nicht zu einem besseren Menschen, wenn man sich ab und an in Sportsachen wirft und sich für eine halbe Stunde etwas schneller bewegt als sonst. Es hat mich auch nicht dünner gemacht (und nein, dünner zu sein bedeutet nicht besser zu sein).

Das ist aber auch nicht meine Hauptmotivation. Es sind nicht die Glückshormone, nicht die frische Luft, nicht die kleinen Erfolgserlebnisse, wenn man etwa einen ganzen Kilometer durchlaufen kann.

Der eine Grund, der mich auch bei Wind und Regen nach draußen jagt, ist der Steine-in-der-Waschmaschinen-Effekt: Stellt euch eine Waschmaschine vor, die man mit Steinen belädt und einschaltet. Beim Waschen verschwinden die Steine nicht. Aber ihre scharfen Ecken und Kanten werden abgerieben und die Steine etwas runder. Zugegeben, eine sehr abstruse Metapher, aber sie beschreibt ganz gut, was mit meinen Gedanken beim Laufen passiert.

Wenn ich laufe, denke ich nicht an nichts. Ich denke an alles. An alles ein wenig und an nichts richtig lang. An einem bestimmten Gedanken festzuhalten ist nämlich – zumindest für mich – nicht möglich, wenn ich gleichzeitig versuche, mich für die nächsten zwei Minuten zu motivieren, die ich laufen soll.

In meinem Kopf hat ein Krieg getobt. Gedanken an Job, Freunde, Familie, Politik, Klimawandel: Sie alle sausten in meinem Kopf herum wie Schrapnelle. Ging ich laufen, ist aber ein Waffenstillstand entstanden. Ich wurde ruhiger.

Das ist alles. Klingt vielleicht nach wenig, aber für mich war es eine bahnbrechende Erkenntnis: Wenn ich laufe, werde ich ruhiger.

Dadurch, dass einem Sport immer Allheilmittel für alle möglichen körperlichen Probleme verkauft wird, kam bei mir nie so recht an, dass Bewegung eine Möglichkeit sein könnte, mit meinem Gefühlsleben besser fertig zu werden. Bei mir war es das Laufen. Vielleicht ist „der Trick“ aber für jemand anderen Tischtennis. Oder Minigolf. Oder Hanteltraining.

Wer mich einmal laufen gesehen hat, weiß, dass ich unglaublich langsam bin. Aber ich bin immer schnell genug, um meine Gedanken zu überholen.

Warum nichts fühlen schlechter war als mich mies fühlen

Wer sich jetzt denkt „Mimimi – schon wieder so ein Gefühlsscheiß von irgendeiner Alten“ hat recht und sollte lieber den „Welcher Gilmore Girls Charakter bin ich?“-Test auf Buzzfeed machen (Paris 4ever). Für alle anderen: Der Sinn dieses Texts ist es, zu erzählen, was ich (nicht) gefühlt habe. Vielleicht erkennt sich ja jemand wieder und fühlt sich verstanden. Oder findet sogar ein wenig Hilfe darin. Social Media quasi.

„Ich will nie wieder etwas fühlen!“ –hat sich wahrscheinlich jeder schon mal bei richtig miesem Liebeskummer gedacht. Was passiert aber, wenn man dann mehr oder weniger absichtlich wirklich nichts mehr fühlt? Sind keine Gefühle besser, als schlechte? Das habe ich im Selbstexperiment mal ausprobiert ohne es wirklich zu merken. Aber alles von Anfang:

Vor bald drei Jahren hatte ich ein gebrochenes Herz. Nachdem es recht schnell recht ernst geworden war, hatte mein damaliger Freund sehr überraschend mit mir Schluss gemacht. Zu nah, zu schnell – zu viel für ihn.

Ich lag von da an in meinem großen Couchsessel und weinte viel. Ab und zu setzte sich mein Mitbewohner dazu. Dann spie ich für Tage und Wochen immer wieder dieselben Sätze aus: „Ich hatte ihn wirklich gern.“ und „Ich habe mit ihm über meine Gefühle gesprochen!“.

Das war nicht meine erste große Liebe, mein Herz war schon vor diesem Mal gebrochen worden. Aber an dieses eine Mal erinnere ich mich besonders genau, weil ich meinen Mitmenschen – unbewusst – danach noch weniger über mich selbst erzählte, als vorher schon.

Es war dennoch keineswegs so, dass ich ein stiller oder zurückgezogener Mensch geworden wäre.

Ich sagte einfach noch seltener, was ich dachte, oder was mich beschäftigte. Stattdessen versteckte ich mich hinter Hülsen und Wendungen, die in meinem Kopf, der beruflich seit Jahren auf PR und Marketing getrimmt war, „gut“ und „richtig“ klangen und schoss sicherheitshalber noch ein Lächeln nach, damit niemand glaubte, ich wäre nicht glücklich.

Es war aber gar nicht oft so, dass ich oft in Deckung hätte gehen müssen. Die meisten Menschen erzählen lieber von sich statt großartig am Gegenüber interessiert zu sein.

Also lässt man sie erzählen. Sollte jemand irgendwann doch die schlimmste aller Fragen stellen („Was machst du immer so?“), dann einfach „Ich mache viel mit Freunden. Eigentlich bin ich immer unterwegs.“ sagen. Für euch getestet: Da fragt keiner mehr groß nach, weil jeder ein bestimmtes Bild im Kopf zu haben scheint, was das genau bedeutet.

Meine Zurückgezogenheit zeigte sich aber nicht nur anderen gegenüber. Ich entzog mich nicht nur meinen Mitmenschen. Ich entkoppelte mich auch von mir selbst und meinen Gefühlen.

Würde man meine Gefühle während dieser Zeit anhand einer zehnstufigen Skala bewerten, wobei 1 für traurig und 10 für glücklich stünde, war ich konstant eine 5. Ich war selten sehr wütend, aber auch nie besonders glücklich. Meistens war ich gelassen und gleichgültig.

Denn ich war weniger „Zen“ als „Unbeeindruckt“. Egal was mir passierte, ich hatte das Gefühl, es so oder besser schon gesehen zu haben. Nichts vermochte mich zu schockieren, weder im positiven noch im negativen Sinn.

Es entstand ein Teufelskreis: Weil mich nichts so richtig einnehmen oder begeistern konnte, hatte ich gleichzeitig noch mehr Bedenken, mit jemandem ehrlich zu sprechen. Was, wenn ich denjenigen langweilte? Was, wenn meine Probleme und somit ich in den Augen dieser Person auch nur bestenfalls eine 5 waren?

Ich habe fast drei Jahre so gelebt. Ich würde jetzt gerne auflösen und sagen: „Hier sind fünf Dinge, die ich tun musste, um diesen Sumpf aus Gleichgültigkeit zu verlassen“. Aber so war es nicht.

Irgendwann merkte ich, dass Menschen, die ich liebte, nicht mehr an mich rankamen. Dass Freunde, mit denen ich stets sprechen konnte, plötzlich stumm neben mir saßen, weil ich ihnen alles an Informationen über mich entzogen hatte.

Es gab leider keinen Trick. Kein Gimmick. Kein 7-Punkte-Programm. Nichts, was mich ihnen sofort näher gebracht hat.

Mein persönliches Gegenmittel war Reden. Keine schockierenden Geständnisse, kein in den Armen liegen und heulen. Eher nur meine Gedanken teilen. Mit meinen Freunden, mit meiner Familie. Und nun eben auch mit dem Internet.

Ich habe absichtlich im ganzen Text die Klischeemetapher vom „Mauern um sich selbst bauen“ vermieden. Aber zum Schluss kann ich doch nicht widerstehen: Meine Hoffnung ist, dass ich durch das Teilen meiner Gefühle diese Mauer etwas abtragen kann. Dass jede kleine Information über mich selbst und meine Gefühle wie ein Stück dieser Mauer ist. Wenn ich kleine Teile davon wohlgesinnten Menschen mitgebe, können sie vielleicht was damit anfangen. Im besten Fall ist da draußen jemand, dem es so geht wie es mir lange Zeit gegangen ist. Dann hilft dieser Text vielleicht ein wenig.

Wahrscheinlich werde ich nie ein Mensch sein, der offen und vertrauensvoll auf seine Mitmenschen zugeht. Aber ich hoffe, dass ich ein Mensch werden kann, der ehrlich über sich selbst sprechen kann, ohne sich hinter Phrasen oder einem Lächeln zu verstecken.