Mein Großvater ist gestorben.

Mein Großvater war stur. Er ist gestolpert und eine steile Treppe hinuntergefallen. Er hätte einen Krankenwagen rufen können. Aber er bestand darauf, selbst ins Krankenhaus zu fahren. Ärzte untersuchten ihn, erkannten aber nicht, wie schwer seine Verletzungen waren. Ein paar Tage später konnte er nicht mehr von der Couch aufstehen, nicht mehr sprechen, sich nicht bewegen. Mein Großvater starb knapp drei Wochen nach seinem Sturz im Krankenhaus. Nur ein paar Tage vor seinem 78. Geburtstag.

Zu seiner Beerdigung kamen etwa 50 Menschen. Familie, aber vor allem Freunde. Alte Männer, die sich ihre besten Hemden angezogen hatten oder direkt aus Fabriken oder von Felder in ihrer Arbeitskleidung kamen. Sie kannten meinen Großvater aus der gemeinsamen Zeit im Militär, vor über 50 Jahren, oder von irgendeiner Arbeit, die sie irgendwann zusammen verrichtet hatten. Einige der Männer weinten. Sie schienen so ungeübt darin, ihre Gefühle zu zeigen, dass sie sich an ihrem Schluchzen verschluckten.

Mein Großvater war nicht nur ein guter Freund. Er war auch ein harter Arbeiter. Nicht die geschäftige Art, die ihren Fleiß vor sich herträgt. Er war ein ruhiger Mann, dessen Geschäftigkeit nicht auffiel, weil er immer in Bewegung war. Je älter er wurde, desto langsamer bewegte er sich. Aber seine Schweine, seine Hühner, seine Schafe und sein Hund bekamen immer ihr Futter. Wenn der Frühling kam, säte er. Im Sommer mähte er. Im Herbst erntete er. Als meine Großmutter krank wurde, pflegte er sie.

Die harte Arbeit hat ihn selbst aber nicht abgehärtet gegen seine Mitmenschen. Brauchte jemand Hilfe, war mein Großvater da. Er gab Geld, teilte seine Früchte, sein Obst, sein Gemüse – immer und immer wieder. Er verurteilte nicht, er half.

Sein Herz wurde noch weicher, wenn er mit Kindern zu tun hatte. Er liebte seine Enkel und Enkelinnen. Er schien immer ein kleines Kind auf seinem Knie zu balancieren, wenn er sich kurz zum Mittagessen setze. Er fütterte die kleinen Kinder mit den besten Stücken Fleisch, dem weichsten Brot und den süßesten Früchten. Er schien kein Geschäft zu verlassen, ohne nicht eine Handvoll Süßigkeiten mitzunehmen.

Der Friedhof, auf dem mein Großvater liegt, überblickt den kleinen Hof, auf dem meine Großmutter und er lebten. Als wir dort oben gestanden sind und sein Grab zugeschaufelt wurde, sah ich oft zur Straße. Ich erwartete, dass er jeden Moment den kleinen Hügel hochkommen würde. Langsam, aber entschieden. Süßigkeiten in den Hosentaschen. Nur ein bisschen zu spät, weil er gerade noch seine Tiere gefüttert hatte.

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